Modeneser’s Weblog


Interviewprojekt von Letizia Manzini
Mai 30, 2011, 7:51 am
Einsortiert unter: deutsche in italien

Interkulturelle Kommunikation – Auf der Suche nach Deutschsprachigen
INTERVIEW MIT PATRIZIA IACOBELLI
Patrizia kommt aus einer italienischen Familie, aber sie ist in der Schweiz geboren, und hat 40 Jahren in der Schweiz gelebt. Jetzt wohnt sie seit mehr als vier Jahren in Vignola.

Die Geschichte ihrer Familie
Die Eltern von Patrizia sind in den 60. Jahren in die Schweiz umgezogen, als sie sehr jung waren.
In der Schweiz sind die Regeln der Einwanderung immer strenger als in Italien gewesen: man kann in die Schweiz eintreten und hier wohnen, nur wenn man eine Arbeit hat. Wenn man keine Arbeit hat oder findet, darf man in der Schweiz nicht mehr als drei Monate verbringen, und die Kontrollen sind viel strenger als in Italien. Die selbe Regel gilt auch für Patrizia, auch wenn sie 40 Jahre lang in der Schweiz gelebt hat, weil sie jetzt keine Arbeit in der Schweiz hat.
Ihre Eltern haben in die Schweiz gefahren können, weil schweizerische Arbeitsgeber Arbeitskräfte im Ausland suchten.
In den 60. Jahren waren die Regeln auch strenger als heute: am Zoll wurden sie von einem Arzt untersucht, der kontrollieren musste, ob sie gute Arbeitskraft sein konnten. Wenn man krank war, durfte man nicht über den Zoll gehen.
Es war für sie am Anfang nicht leicht, sich niederzulassen, weil die Realität, die sie verlassen hatten, ganz anders war als die Schweiz, und auch weil sie als Fremde betrachtet und nicht sehr respektiert wurden.
Patrizia und ihre zwei älteren Geschwister sind in der Schweiz geboren.
Jedes Jahr fuhren sie in den Urlaub nach Italien, um die Großeltern und die Verwandten zu besuchen. Was Patrizia am meisten beeindruckte, als sie nach Italien als Kind kam, war die lange Reise (sie fuhren mehr als 17 Stunde lang), das Meer, die Freiheit, und mit der ganzen Familie zu sein. Ein paar Jahre haben auch die Onkel von Patrizia in der Schweiz gelebt, aber sonst sind sie, ihre Eltern und ihre Schwestern allein in der Schweiz gewesen, und deshalb war es für sie sehr schön, sich mit der Familie zu treffen.
Patrizias Schwestern sind früher als sie nach Italien umgezogen. Die Älteste wohnt mit ihrem Mann und ihren Eltern in Apulien, und die Zweitälteste wohnt wie Patrizia in Vignola.

Das Problem der Bürgerschaft und der Wahlen
Obwohl Patrizia in der Schweiz geboren ist, hat sie keine schweizerische Bürgerschaft und besitzt keinen schweizerischen Reisepass, da sie nie das Bedürfnis hatte, die Bürgerschaft oder den Reisepass zu erhalten.
Zuallererst hatte sie sprachlich kein Problem, und außerdem ist es nicht einfach, den Pass zu erhalten: man muss eine Prüfung über die Sprache, die Geschichte und die allgemeine Kultur der Schweiz machen, und dann entscheidet der Gemeinderat durch eine Abstimmung, wenn man seiner Meinung nach den Pass verdient oder nicht. Auf jeden Fall muss man zirka zwei Tausend Euro bezahlen, wenn man den Pass erhält.
Ohne Bürgerschaft darf man natürlich nicht für die schweizerischen Wahlen wählen, aber Patrizia hat auch nie für die italienischen Wahlen gewählt, da es die Möglichkeit nicht gab, in der Schweiz an den italienischen Wahlen teilzunehmen. Man musste Urlaub nehmen, und nach Italien kommen. Nur in den letzten Jahren existiert diese Möglichkeit, direkt von der Schweiz zu wählen.
Außerdem musste Patrizia, als italienische – aber in der Schweiz geborene Bürgerin -, jedes Jahr bezahlen, um den italienischen Reisepass zu haben. Ihr Mann, der in Italien geboren ist, und dann in der Schweiz lebte, musste im Gegenteil für den italienischen Pass nicht bezahlen.
Dieses Problem mit den italienischen Wahlen und dem italienischen Pass hat Patrizia immer gestört, und aus dieser Sicht fühlte sie, dass sie nirgends gehörte, und auch dass Italien die im Ausland geborenen Bürger vergisst.

Sprachen, die Patrizia sprechen kann
In der Schweiz spricht man normalerweise Schwyzerdütsch, die eine Art Dialekt der deutschen Sprache ist. Hochdeutsch wird nur in der Schule, auf der Gemeinde und für Korrespondenz benutzt.
Deswegen sprach Patrizia Hochdeutsch, nur wenn sie in der Schule war, oder wenn sie Briefe schreiben musste. An der Arbeit und mit ihrer Tochter sprach sie Schwyzerdütsch: ihre Tochter ist bilingual, weil ihr Vater mit ihr auf Italienisch sprach, um ihr zu erlauben, mit den italienischen Verwandten eine gute Beziehung einzugehen; in der Schweiz brauchte sie aber, Schwyzerdütsch gut zu können. Patrizia sprach deshalb nur wenig auf Italienisch. Sie dachte auch auf Schwyzerdütsch.
Jetzt denkt Patrizia im Gegenteil auf Italienisch, weil sie hier in Italien die Gewohnheit hat, fast immer auf Italienisch zu sprechen, auch wenn sie mit ihrer Tochter ist.
Patrizia beschreibt sich nämlich als bilingual: für sie sind Italienisch und Deutsch wie eine Muttersprache, auch wenn sie manchmal einige Schwierigkeiten mit dem Schreiben und der Grammatik sowohl auf Italienisch als auch auf Deutsch hat.
Italienisch hat sie in der Schule nie gelernt, weil Englisch und Französisch als Fremdsprachen wichtiger waren. Man konnte Italienisch nur am letzen Jahr, und eine Stunde pro Woche, anstelle von Französisch lernen.
Ihre Eltern wollten, dass Patrizia in den letzten drei Schuljahren auch die „Italienische Schule“ besuchte. Das ist aber keine normale Schule, sondern ist es wie ein Extrakurs, den vom italienischen Konsulat für italienische, in der Schweiz ansässige Bürger organisiert. Italienische Lehrer sind dort zur Verfügung, um drei Stunde pro Woche zu lehren: eine Stunde für die Grammatik der italienischen Sprache, eine für die italienische Geschichte und eine für die Geographie des Italiens.

Die Gesellschaft der Schweiz und die Fremde
In der Schweiz leben viele Fremde, die am meisten aus Albanien und Jugoslawien kommen. Als Ausländer werden aber die Italiener besser geschaut als die Albaner und Jugoslawen.
Die Regeln der Schweiz sind strenger als die des Italiens, und deshalb ist das Leben dieser Personen anders als in Italien, und man lebt in der Schweiz sehr gut, auch wenn die Situation in den letzten Jahren schwieriger geworden ist. Fremde Leute haben eine Arbeit, und alle fremden Kinder gehen zur Schule, weil sie in die Schweiz leben dürfen, nur wenn sie eine Arbeit haben.
Diese Regel gilt nicht nur für die Fremden, sondern für alle: wie man schon gesagt hat, hat jetzt auch Patrizia keine Rechte mehr, in der Schweiz mehr als drei Monaten zu verbringen, da sie keine Arbeit in der Schweiz hat.
Die Schweiz hat keine Carabinieri, sondern nur die Polizei, die aber respektierter als in Italien und wirklich mächtig ist, und die mehr und strengender Kontrolle als in Italien fuhrt.

Patrizias Erfahrung in der Schweiz
Patrizia wurde normalerweise nicht als Fremde betrachtet, weil man nicht hörte, dass sie fremd war (da sie Deutsch gut konnte). Als sie ihren Namen sagte, begannen aber die Schweizer, Frage zu stellen. Die erste war, ob sie mit einem Fremden verheiratet war, und Patrizia antwortete, dass sie selbst eine Ausländerin war.
In der Schweiz ist es nämlich normal, dass eine Frau den Familiennamen ihres Mannes nimmt. In Italien ist die Regel anders, und eine Frau erhält nach der Hochzeit ihren eigenen Familiennamen. Deshalb musste Patrizia in der Schweiz als „Patrizia Cristiano“, und in Italien als „Patrizia Iacobelli“ unterschreiben.
Am meisten bemerkte sie einen Unterschied zwischen sich und die Schweizer, weil die Schweizer echte Schweizer für eine Arbeitsstelle bevorzugen als ein Ausländer, auch wenn dieser Ausländer wie die Tochter von Patrizia die dritte Generation in der Schweiz vertreten, und kulturell 100% Schweizer sind.
Sie hat aber diese Vorliebe nicht als negativ oder diskriminierend erlebt, sondern findet sie, dass es etwas menschlich ist, um sein eigenes Volk zu schützen.
Die Erfahrung von Patrizia in der Schweiz war deswegen im Allgemeinen positiv, weil sie die Regeln der Schweiz kannte und respektierte, und auch weil sie keinen anderen Lebensstil kannte. Sie lebten praktisch genauso wie die Schweizer.
Einige Regeln der Schweiz findet sie jetzt wegen des Vergleiches mit Italien ein bisschen zu „militärisch“. Zum Beispiel muss man in der Schweiz:
• Nach dem Mittagessen keine Lärme machen
• Am Sonntag keine Wäsche im Freien trocknen
• Nach 22 Uhr keine Dusche machen, wenn man in einer Wohnung wohnt

Der Umzug nach Italien
Patrizia ist nach Italien umgezogen, weil ihre Familie immer den Wunsch hatte, nach Italien zurückzukehren, und vor allem, weil es in Italien mehr Gelegenheiten für das Studium ihrer Tochter gibt.
In der Schweiz gibt es wie in Deutschland Stufe, die man erreichen muss, um das Gymnasium (und dann die Universität) besuchen zu dürfen. Auch wenn ihre Tochter gut war, und diese Stufe erreichen hatte, wäre ihre italienische Abstammung ein Problem gewesen.
Deshalb entschied Patrizias Tochter, dass sie lieber in Italien studieren mochte. Patrizia und ihr Mann waren darüber froh, und sie erlaubten ihre Tochter, nach Italien zu kommen, und bei der Tante einige Monate zu verbringen, um sicher zu sein, dass ihr Italien wirklich gefiel.
2005 kam Patrizias Tochter nach Italien, und zwei Monate nach war sie überzeugt, in Italien zu bleiben. Nach einem Jahr kam Patrizia nach Vignola, und später auch ihr Mann.
Am meisten war Patrizia um das Haus und die Arbeit besorgt, aber ihre Hoffnung war, ihrer Familie und ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu geben. Sie hat gedacht, dass wenn es ihrer Familie gut ging, ging es ihr überall gut, und dass man Schwierigkeiten und schöne Sache überall findet. Deshalb muss man immer versuchen, die negative Sache ein bisschen als positiv zu schauen. Aus diesem Grund hat sie nicht alles geplant, sondern auch spontan gehandelt.
Aus jedem Fall haben sie relativ einfach ein neues Haus und eine Arbeit gefunden.

Ihre Erfahrung in Italien
Patrizias Lebensweise ist ein bisschen anders geworden, aber ihre Gewohnheiten sind ähnlich geblieben.
Der größte Unterschied ist, dass die Arbeit anders organisiert ist. Sie arbeitet immer mehr als acht Stunde pro Tag, aber in Italien ist die Mittagspause länger als in der Schweiz, und deshalb bleibt sie mehr Stunde unterwegs.
Sie hat bemerkt, dass die Gewohnheiten der Schweizer und der Italiener nicht egal sind. Normalerweise sind Kinder und Erwachsene in der Schweiz ab 7 oder 8 Uhr von zu Hause weg, und sie kommen am späten Nachmittag zurück, weil die Schule mehr Stunden dauert als in Italien, wo Eltern und Kinder im Gegenteil sehr verschiedene Zeitpläne haben.
Am Abend gehen die Kinder in der Schweiz früh ins Bett, und wenn die Kinder mehr als 5 oder 6 Jahre alt sind, lassen sie die Eltern allein zu Hause, wenn sie ausgehen möchten: wenn man im Restaurant oder in einer Pizzeria essen möchte, geht man nämlich immer ohne Kinder.
Aus jedem Fall, wenn man zum Abendessen ausgehen möchte, geht man nicht später als 20 Uhr aus: wenn man erst später als 20 Uhr isst, bleibt man normalerweise zu Hause.
Patrizia kannte Italien schon gut, und deshalb hat sie keine große Schwierigkeiten mit der italienischen Kultur gehabt: sie hat sich gut eingelebt, und sie hat nette Leute getroffen, die ihr geholfen haben.
Was Patrizia am meisten komisch gefunden hat, ist die Sanitätsdienst, die in der Schweiz viel besser und einfacher funktioniert. Was sie nach heute stört ist, dass man Monate lang warten muss, um sich untersuchen zu lassen, und dass sie noch nicht gut verstanden hat, was sie tun soll, oder wohin sie gehen soll, wenn sie Untersuchungen oder Zertifikate braucht. In der Schweiz geben die Ärzte alle Zertifikate, und sie verschreiben alle Untersuchungen, ohne in die Apotheke oder auf ein anderes Büro gehen zu müssen. Schweizerische Krankenhäuser sind auch besser organisiert: die Leute bezahlen jeden Monat eine Krankenkasse, aber die Krankenhäuser sind praktisch wie Hotels.
Auch alle anderen bürokratischen Prozesse sind in der Schweiz leichter und kürzer: wenn man zum Beispiel auf der Gemeinde ist, wissen alle Beamten sofort, was getan werden soll, und alles wird maximal in einer Woche erledigt. Etwas, dass die Effizienz der schweizerischen Bürokratie bewiesen hat, ist einen Brief, den Patrizia letzes Jahr bekommen hat, weil sie bei einer schweizerischen Kasse noch 200 Euro Kredit hatte.

Ihre Erfahrung in Italien ist aber sehr positiv, und sie hat nicht geplant, in der Schweiz zurückzukehren. Sie ist ruhiger geworden, weil es weniger Regeln gibt als in der Schweiz, und weil man weniger „militärisch“ lebt.
Sie mag diese Freiheit sehr. Hier sind ihre eigenen Worte:
„Man ist freier, man ist offener, man spricht mit den Leuten auf der Straße… Man kann in die Pizzeria auch um zehn Uhr gehen mit einem kleinen Kind! Also nicht, dass man darf nicht, sonst passiert etwas… Aber man wird als keine gute Mutter etikettiert.“


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